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Vom Zähmen zur Freundschaft

10 Jan

– Achtung, kann Spuren von offenem Aussprechen enthalten –

Als der Mensch entdeckte, dass das Pferd nicht nur als Nahrungslieferant zu gebrauchen war, beschloss er es zu zähmen. Er beschloss, das Pferd seinem Willen zu unterwerfen um seinen Nutzen draus zu ziehen. Er beschloss nicht das Pferd zu studieren, sich seinem Verhalten anzupassen und so eine Verbindung aufzubauen, denn schließlich war das Pferd wild und wehrhaft.

Wenn wir heute in die zahlreichen Pferdställe weltweit blicken, dann scheint sich an diesem Prinzip aus grauer Vorzeit nicht viel geändert zu haben. Schon die kleinsten unter den Pferdefreunden lernen, dass man sich dem Pferd gegenüber durchsetzen muss. Und wenn die Körperkraft dafür nicht ausreicht, dann wird eben aufgerüstet. Die meisten Reitanfänger besitzen schon eine Gerte bevor sie noch das erste Mal Stiefel tragen. Und warum? „Damit Du dem Gaul mal ordentlich eine auf den A**** zimmern kannst wenn er nicht spurt!“ Und wenn das Schlaginstrument nicht ausreicht und der arglistige Vierbeiner noch immer muckt, dann wird halt weiter aufgerüstet. Sporen, Hilfzügel, immer schärfere Zäumungen – der Einfallsreichtum des Menschen ist unerschöpflich, wenn es darum geht sich vor den Launen des gefährlichen Wildtieres zu schützen.

Doch zum Glück gibt es ja auch einige Menschen, die Umdenken wollen, die ihr Pferd verstehen und mit ihm kommunizieren wollen. Diese landen dann meist beim „Horsemanship“ und bekommen erklärt, wie sie ihrem Pferd verständlich machen, dass sie das ranghöhere Leittier sind. Dann stehen sie fröhlich Stöckchen oder Seilchen schwingend im nächsten Round-Pen und scheuchen ihren Vierbeiner so lange im Kreis bis dieser völlig ermattet fragt ob er denn nun endlich aufhören dürfte und gar nicht mehr anders kann als nur noch willenlos hinter seinem Zweibeiner hinterher zu trotten und umgehend zu weichen wenn dieser ihn auch nur scharf anschaut.

Na, klingelt’s? Auch hier hat der Mensch dem Pferd wieder deutlich gemacht, dass er der Chef ist. Er hat es zwar unter Umständen mit weniger körperlicher Gewalt getan, aber auch der Nachwuchspferdeflüsterer hat das wilde Tier seinem Willen unterworfen – vorausgesetzt er hat sein Stöckchen richtig gehalten und nicht vorab von den Hufen seines Pferdes erklärt bekommen wer der Stärkere ist.

„Jaaaa, schon, aber wenn ich will, dass mein Pferd mitarbeitet dann geht das doch nur wenn ich ihm klar mache, dass ich vorgebe was gemacht wird.“

Diesen Satz habe ich mindestens so oft gehört wie ich ihn auch selbst benutzt habe.

Ich habe genauso wie wohl 99% der Pferdeleute von klein auf beigebracht bekommen, dass mein Pferd zu tun hat was ich will. Und auch ich habe Seilchen und Stöckchen geschwungen, von manch einem Pferd erklärt bekommen dass ich ihm gar nichts zu sagen hätte und habe immer darauf bestanden, dass es nach meinem Willen geht. Und mich dann gewundert, warum die Pferde sich nicht gerade übermäßig für die Arbeit begeistern konnten.

Das können Sie nicht nachvollziehen? Mit wie viel Begeisterung gehen Sie denn zur Arbeit wenn sie vorab schon wissen, dass Ihr Chef sowieso die ganze Zeit nur fordert, fordert und fordert und dann wahrscheinlich auch noch an allem rummäkelt was Sie leisten?

Wenn ich heute zum Pferd gehe, dann habe ich zwar eine Vorstellung davon was ich machen möchte, mein Vierbeiner hat aber in dieser Hinsicht volles Mitspracherecht. Zwar gibt es ein paar grundlegende Verhaltensregeln wenn es um Dinge geht die Mensch oder Pferd gefährden könnten, aber wenn es drum geht ob wir arbeiten, spielen oder einfach nur so ein wenig Zeit zusammen verbringen, dann richte ich mich da genauso nach der Tagesform des Pferdes wie nach meiner eigenen. Wenn ein neues Pferd in der Herde steht, das es im Auge behalten muss, dann kann ich nicht erwarten, dass es konzentriert mit mir Lektionen übt. Wenn die ganze Herde auf die Weide darf, dann wäre es vermessen von mir darauf zu bestehen, dass es mit mir in den Wald geht. Die Frage ob wir im beim Training nun linke Hand oder rechte anfangen ist doch nun wahrlich keinen Streit unter Freunden wert. Und Lob kleine Belohnungen wirken Wunder, wenn es darum geht die Motivation zu steigern und zu erhalten.

Und plötzlich, durch ein paar kleine Kompromisse und Rücksichtnahme, muss ich mich nicht mehr rüsten um ein wildes Monster zu zähmen, sondern gehe fröhlich in den Stall um Zeit mit meinen vierbeinigen Freunden zu verbringen.

M.H.

 
1 Kommentar

Geschrieben in Nachgedacht

 
  1. Michaela

    27 Januar, 2013 at 16:21

    Das ist schön geschrieben, und sollte alle Ermahnen und immer wieder dran Erinnern das ein Pferd kein Sportgerät ist, sondern auch viel Liebe,Geduld und Verständniss fordert!